Fallbeispiel Hr. Weiss


Erstgespräch – nach AEDL strukturiert (unsichtbar im Hintergrund)

Beteiligte:
PK Stephie
Azubi
Herr Weiss
Tochter Frau Weiss
Zimmernachbar Herr Berg

🟢 Ankommen & Beziehung (Kommunizieren können)
PK: Guten Tag, Herr Weiss. Mein Name ist Schneider, ich bin hier eine der Pflegefachkräfte. Das ist mein Kollege im Ausbildungseinsatz.
Azubi: Hallo Herr Weiss, schön, dass Sie da sind. Wie möchten Sie angesprochen werden?
Herr Weiss: Herr Weiss reicht. Anton hat früher nur meine Frau gesagt.
Azubi: Dann bleiben wir bei Herr Weiss.
PK: Wir möchten uns heute ein bisschen Zeit nehmen, Sie kennenzulernen. Wenn etwas zu viel wird, sagen Sie bitte Bescheid.
Herr Weiss: Ich weiß gar nicht, was ich hier soll… ich wollte eigentlich nach Hause.
Tochter: Papa…
Azubi (ruhig): Es fühlt sich wahrscheinlich alles gerade fremd an.
(Herr Weiss nickt leicht.)

🟢 Orientierung & Sicherheit (Kommunikation / sichere Umgebung)
PK: Herr Weiss, wissen Sie, welcher Monat gerade ist?
Herr Weiss: Herbst… oder? Meine Rosen blühen doch noch…
Tochter: Es ist Februar, Papa.
Azubi: Das kann schnell durcheinandergehen. Wichtig ist, dass Sie hier jederzeit fragen können.

🔵 Mobilität (Sich bewegen können)
PK: Wie klappt es im Moment mit dem Gehen?
Herr Weiss: Gehen geht. Der linke Arm macht nicht mehr richtig mit.
Azubi: Darf ich fragen, ob Sie Hilfsmittel nutzen? Stock oder Rollator?
Tochter: Einen Stock hatte er, benutzt ihn aber ungern.
Herr Weiss: Ich bin doch kein alter Mann mit Stock.
Azubi (leicht lächelnd): Sie entscheiden mit – wir schauen nur, was Ihnen Sicherheit gibt.

🟡 Vitale Funktionen / Essen & Trinken
PK: Wie ist Ihr Appetit in letzter Zeit?
Tochter: Eher schlecht. Er vergisst auch zu trinken.
Herr Weiss: Ich habe einfach keinen Hunger.
Azubi: Gab es etwas, das Sie besonders gern gegessen haben?
Herr Weiss: Grießbrei… mit Zimt.
Azubi: Das klingt gut. Vielleicht schauen wir, dass wir so etwas hier auch mal anbieten.

🟣 Ausscheiden können (Kolostoma)
PK (achtsam): Sie haben ja ein Stoma. Wie kommen Sie damit zurecht?
Herr Weiss (leiser): Früher hat das meine Frau gemacht.
(Stille)
Tochter: Er kommt allein nicht gut damit klar.
Azubi: Wir unterstützen Sie dabei – Schritt für Schritt. Sie müssen das hier nicht alleine bewältigen.
(Herr Weiss wirkt etwas erleichtert.)

🟠 Sich pflegen & kleiden können
PK: Wie klappt es mit Waschen und Anziehen?
Herr Weiss: Mit einer Hand ist das Hemd zuknöpfen schwierig.
Azubi: Möchten Sie dabei Unterstützung oder lieber Anleitung, damit Sie möglichst viel selbst machen?
Herr Weiss: Ich will es selbst versuchen.
Azubi: Das ist gut. Wir helfen nur da, wo es wirklich nötig ist.

🔴 Ruhen und schlafen können
PK: Wie sind Ihre Nächte im Moment?
Herr Weiss: Ich wache auf und weiß nicht, wo ich bin.
Azubi: Das ist bestimmt beunruhigend.
Herr Weiss: Ich suche dann meine Frau.
(Stille)
Azubi ruhig: Wenn das passiert, klingeln Sie. Wir sind da.

🟤 Sich beschäftigen können
PK: Was hat Ihnen früher Freude gemacht?
Herr Weiss: Lesen. Gedichte. Und mein Garten.
Herr Berg (vom Nachbarbett): Er hat mir eben schon von Rosen erzählt.
Azubi: Vielleicht könnten Sie uns mal zeigen, wie man Rosen richtig schneidet – im Frühling?
(Herr Weiss schmunzelt leicht.)

Soziale Kontakte sichern
PK zur Tochter: Wie oft planen Sie, Ihren Vater zu besuchen?
Tochter: Mehrmals die Woche. Aber ich arbeite Vollzeit.
Azubi: Sie dürfen auch mal loslassen. Hier ist er nicht allein.
Herr Berg: Ich pass schon auf ihn auf.

🟡 Sich als Mann fühlen und verhalten
PK: Herr Weiss, was war Ihnen in Ihrem Leben besonders wichtig?
Herr Weiss: Für meine Familie sorgen. Nicht abhängig sein.
Azubi: Selbstständig zu bleiben ist Ihnen also sehr wichtig?
Herr Weiss: Ja.
Azubi: Dann arbeiten wir genau daran – so viel Selbstständigkeit wie möglich.

🟣 Mit existenziellen Erfahrungen umgehen können
PK: Der Verlust Ihrer Frau liegt noch nicht lange zurück.
Herr Weiss: Ohne sie ist das Haus nur ein Gebäude.
Tochter (mit Tränen): Er hat sich sehr zurückgezogen.
Azubi: Möchten Sie manchmal über sie sprechen?
Herr Weiss: Sie mochte Rilke.
Azubi: Vielleicht lesen wir mal etwas von ihm gemeinsam.
(Herr Weiss nickt.)

🟢 Abschluss & Sicherheit
PK: Gibt es etwas, das Ihnen hier besonders wichtig ist?
Herr Weiss: Ich möchte niemandem zur Last fallen.
Azubi: Hier sind Sie kein Belastungsfall. Hier sind Sie Herr Weiss.
Herr Berg: Und mein neuer Mitbewohner.
(Herr Weiss lächelt zum ersten Mal offen.)

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