Klar, Don. Das ist ein ziemlich ergiebiges Thema – und gerade Herzinsuffizienz → Rückstau → Lunge → Ödeme lässt sich wunderbar als zusammenhängende Geschichte verstehen. Ich würde es deshalb nicht nur als Liste von Krankheiten aufbauen, sondern entlang des Blutflusses erklären. Die aktuellen ESC-Leitlinien von 2026 haben die Einteilung der Herzinsuffizienz zudem etwas weiterentwickelt. (Escardio)
Herzerkrankungen – mit Schwerpunkt Herzinsuffizienz
1. Das Herz als Druck- und Förderpumpe
Das Herz ist im Grunde zwei Pumpen hintereinander:
Rechtes Herz → Lunge → linkes Herz → Körper → rechtes Herz
Dabei haben die beiden Herzhälften unterschiedliche Aufgaben:
| Herzhälfte | Pumpt wohin? | Welches Blut? | Kreislauf |
|---|---|---|---|
| rechter Vorhof → rechte Kammer | zur Lunge | sauerstoffarm | Lungenkreislauf |
| linker Vorhof → linke Kammer | in den Körper | sauerstoffreich | Körperkreislauf |
Die rechte Herzkammer muss also das Blut durch die Lunge bewegen.
Die linke Herzkammer muss das Blut anschließend durch den gesamten Körper drücken.
Das ist wichtig, denn daraus ergibt sich fast automatisch, wo sich Blut staut, wenn eine Herzhälfte schwach wird.
2. Was bedeutet Herzinsuffizienz?
Herzinsuffizienz = Herzschwäche.
Das Herz ist nicht mehr in der Lage, den Kreislaufbedarf ausreichend zu erfüllen bzw. kann dies nur noch unter erhöhten Füllungsdrücken.
Vereinfacht:
Das Herz schafft seine Förderaufgabe nicht mehr richtig.
Dabei können zwei Dinge problematisch sein:
Das Herz pumpt nicht kräftig genug
→ zu wenig Blut wird ausgeworfen.
Das Herz kann sich nicht ausreichend füllen
→ trotz möglicherweise normaler Auswurfleistung kommt nicht genügend Blut hinein.
Deshalb ist Herzinsuffizienz nicht einfach gleichbedeutend mit „schwachem Herzmuskel“.
Die aktuelle Einteilung berücksichtigt deshalb unter anderem die linksventrikuläre Ejektionsfraktion (LVEF) und nicht nur die reine Pumpkraft. (Escardio)
3. Systolische und diastolische Herzinsuffizienz
Hier kommt ein sehr wichtiges Konzept.
Systole
Das Herz kontrahiert:
Ventrikel → Blut wird ausgeworfen
Wenn die Kontraktionskraft des linken Ventrikels vermindert ist:
→ weniger Blut wird ausgeworfen → reduzierte Ejektionsfraktion
Das wird klassischerweise als HFrEF bezeichnet:
Heart Failure with reduced Ejection Fraction
= Herzinsuffizienz mit reduzierter Auswurffraktion.
Diastole
Das Herz erschlafft:
Ventrikel → Blut strömt hinein
Ein Herz kann aber auch relativ kräftig pumpen und trotzdem insuffizient sein.
Beispielsweise kann der Herzmuskel:
- verdickt
- steif
- schlecht dehnbar
sein.
Dann füllt sich der Ventrikel schlechter.
Das Blut muss also mit höherem Druck in den Ventrikel hineingedrückt werden.
Die Ejektionsfraktion kann dabei zunächst normal erscheinen.
Das wird als HFpEF bezeichnet:
Heart Failure with preserved Ejection Fraction
= Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion.
Ein schönes Beispiel dafür ist ein „zu strammer“ Herzmuskel:
Die Pumpe kann drücken, aber sie kann sich nicht ordentlich öffnen.
4. Was ist die Ejektionsfraktion?
Die Ejektionsfraktion (EF) beschreibt, welcher Anteil des im linken Ventrikel vorhandenen Blutes während der Systole ausgeworfen wird.
Beispiel:
Im Ventrikel befinden sich vor der Kontraktion:
100 ml
Nach der Kontraktion bleiben:
40 ml
Dann wurden 60 ml ausgeworfen.
$$ EF = \frac{60}{100} \times 100 = 60\% $$
Die EF beträgt also 60 %.
Wichtig:
Die EF sagt nicht, wie viel Blut insgesamt ausgeworfen wird, sondern welcher Anteil ausgeworfen wird.
Deshalb kann jemand trotz normaler EF eine Herzinsuffizienz haben.
5. Linksherzinsuffizienz – hier wird es für die Lunge interessant
Jetzt kommt der wichtigste Teil.
Stell dir den Blutweg vor:
Lunge → linker Vorhof → linke Kammer → Aorta → Körper
Wenn die linke Herzkammer das Blut nicht ausreichend in die Aorta weiterbefördert, entsteht ein Problem:
Das Blut kommt weiterhin aus der Lunge, kann aber nicht ausreichend weiter in den Körper.
Es entsteht ein Rückstau.
Rückwärts betrachtet:
linke Kammer ↓ linker Vorhof ↓ Lungenvenen ↓ Lungenkapillaren
Der Druck in den Lungengefäßen steigt.
Genau hier beginnt die Verbindung zwischen Herzinsuffizienz und Atemnot.
Die Deutsche Herzstiftung beschreibt ebenfalls, dass sich bei Linksherzinsuffizienz das Blut aus der Lunge nicht ausreichend in den Körperkreislauf weiterpumpen lässt. (Herz Stiftung)
6. Warum bekommt man bei Linksherzinsuffizienz Atemnot?
Jetzt müssen wir kurz in die Lunge hinein.
Die Lungenkapillaren liegen direkt an den Alveolen.
Normalerweise:
Blutkapillare | dünne Blut-Luft-Schranke | Alveole
Sauerstoff kann aus der Alveole ins Blut gelangen.
Kohlendioxid kann umgekehrt aus dem Blut in die Alveole gelangen.
Aber:
Wenn der Druck in den Lungenkapillaren steigt, wird Flüssigkeit aus den Gefäßen ins umliegende Gewebe gedrückt.
Zunächst:
Kapillare → Interstitium
Das nennt man:
Lungeninterstitielles Ödem
Es befindet sich also Flüssigkeit im Lungengewebe.
Dadurch wird der Gasaustausch schlechter und die Lunge wird weniger elastisch.
Bei Herzinsuffizienz können erhöhte linksatriale und pulmonalvenöse Drücke zu Flüssigkeitseinlagerung im Lungeninterstitium führen. (ESC 365)
7. Und was bedeutet „Wasser in der Lunge“?
Das ist ein klassischer Punkt, bei dem Alltagssprache und Medizin durcheinandergehen.
„Wasser in der Lunge“ kann verschiedene Dinge meinen.
① Lungenödem
Flüssigkeit befindet sich im:
Lungeninterstitium und/oder in den Alveolen
Das ist besonders bei akuter Linksherzinsuffizienz gefährlich.
② Pleuraerguss
Flüssigkeit befindet sich im:
Pleuraspalt
also zwischen:
Lungenfell (Pleura visceralis) und Rippenfell (Pleura parietalis)
Das ist nicht dasselbe wie ein Lungenödem.
Man könnte sich das so vorstellen:
Rippen
│
│ Pleuraspalt
│ ↓ Flüssigkeit
│ ┌─────────┐
│ │ Lunge │
│ └─────────┘
Bei chronischer Herzinsuffizienz kann sich ebenfalls Flüssigkeit im Pleuraspalt ansammeln. (Herz Stiftung)
8. Wie entsteht ein Lungenödem?
Jetzt können wir den Mechanismus Schritt für Schritt verfolgen:
Linksherzschwäche
↓
linke Kammer pumpt weniger effektiv
↓
Blut bleibt „hinter“ der linken Kammer
↓
Druck im linken Vorhof steigt
↓
Druck in den Lungenvenen steigt
↓
Druck in den Lungenkapillaren steigt
↓
Flüssigkeit wird aus den Kapillaren ins Lungengewebe gedrückt
↓
interstitielles Lungenödem
↓
bei stärkerer Ausprägung
↓
Flüssigkeit gelangt in die Alveolen
↓
alveoläres Lungenödem
↓
Gasaustausch massiv beeinträchtigt
↓
Dyspnoe + Hypoxämie
Das ist der entscheidende Zusammenhang.
9. Warum ist ein alveoläres Lungenödem so gefährlich?
Die Alveolen sollen eigentlich hauptsächlich mit Luft gefüllt sein.
Bei einem Lungenödem befindet sich dort zusätzlich Flüssigkeit.
Also:
Luft ↔ Blut
wird zu:
Luft ↔ Flüssigkeit ↔ Blut
Die Diffusionsstrecke wird größer und der Gasaustausch schlechter.
Der Patient bekommt zunehmend das Gefühl:
„Ich bekomme keine Luft.“
Bei schwerem akutem Lungenödem kann eine ausgeprägte Atemnot entstehen.
Typisch können unter anderem sein:
- Tachypnoe
- Dyspnoe
- Orthopnoe
- feuchte Rasselgeräusche
- Hypoxämie
- Unruhe/Angst
- Zyanose bei schwerer Hypoxämie
Und manchmal entsteht ein beeindruckend dramatisches Krankheitsbild:
Der Patient sitzt aufrecht, ringt nach Luft und wirkt panisch.
Nicht weil er „Panik hat“.
Sondern weil sein Körper tatsächlich massiv um ausreichenden Gasaustausch kämpft.
10. Warum hilft aufrechtes Sitzen?
Das ist auch pflegerisch interessant.
Bei ausgeprägter kardialer Dyspnoe sitzt der Patient häufig spontan aufrecht.
Das hat mehrere Vorteile:
Schwerkraft
Weniger venöses Blut strömt unmittelbar zum Herzen zurück.
→ Vorlast kann sinken.
Atemmechanik
Der Thorax kann sich besser ausdehnen.
Zwerchfell
Das Zwerchfell hat in aufrechter Position günstigere Arbeitsbedingungen.
Darum ist:
Oberkörper hoch
eine klassische pflegerische Maßnahme bei kardialer Atemnot.
11. Orthopnoe – warum kann der Patient nicht flach liegen?
Orthopnoe = Atemnot im Liegen
Der Patient sagt beispielsweise:
„Ich bekomme keine Luft, wenn ich mich hinlege.“
Warum?
Im Liegen wird mehr Blut aus den Beinen und dem Körper in Richtung Brustraum umverteilt.
Bei einem gesunden Herzen ist das normalerweise kein großes Problem.
Bei einem insuffizienten linken Herzen kann dieser zusätzliche venöse Rückstrom aber problematisch werden.
↓
mehr Blut im Lungenkreislauf
↓
höherer pulmonaler Druck
↓
mehr Flüssigkeit im Lungengewebe
↓
mehr Atemnot.
Deshalb schlafen manche Patienten mit Herzinsuffizienz mit mehreren Kissen.
12. Rechtsherzinsuffizienz – jetzt passiert das Gegenteil
Jetzt wechseln wir die Seite.
Der Blutweg:
Körper → rechter Vorhof → rechte Kammer → Lunge
Die rechte Kammer muss das venöse Blut in die Lunge pumpen.
Wenn die rechte Herzkammer insuffizient wird:
→ sie schafft den Weitertransport zur Lunge nicht ausreichend.
Das Blut staut sich daher vor dem rechten Herzen zurück.
Und wo liegt dieses Blut?
Im:
- venösen Körperkreislauf
- großen Venen
- Gewebe
Deshalb entstehen typische Zeichen der Rechtsherzinsuffizienz.
13. Typische Folgen der Rechtsherzinsuffizienz
Periphere Ödeme
Flüssigkeit tritt aus den Gefäßen ins Gewebe.
Typisch:
Knöchel → Unterschenkel
Bei ausgeprägter Stauung auch:
- Oberschenkel
- Sakralbereich
- generalisierte Ödeme
Halsvenenstauung
Der venöse Druck steigt.
Die Jugularvenen können deutlich hervortreten.
Das ist ein klassisches Zeichen einer systemischen venösen Stauung.
Gewichtszunahme
Nicht unbedingt Fett.
Sondern:
Wasser.
Ein Patient kann innerhalb weniger Tage mehrere Kilogramm zunehmen, weil sich Flüssigkeit im Körper ansammelt.
Das ist für die Pflege enorm wichtig.
Aszites
Flüssigkeit sammelt sich in der Bauchhöhle.
→ Aszites
Der Bauch kann zunehmend gespannt erscheinen.
14. Der große Unterschied
Man kann sich das extrem einfach merken:
Linksherzinsuffizienz
Stau vor dem linken Herzen
→ Lunge
Problem:
🫁 Atemnot 🫁 Lungenödem 🫁 Orthopnoe 🫁 pulmonale Stauung
Rechtsherzinsuffizienz
Stau vor dem rechten Herzen
→ Körpervenen
Problem:
🦵 Ödeme 🩸 Halsvenenstauung 🫃 Aszites ⚖️ Gewichtszunahme durch Wasser
15. Aber: Rechts- und Linksherzinsuffizienz sind keine zwei völlig getrennten Krankheiten
Das ist ein wichtiger Punkt.
Das Herz arbeitet als zusammenhängendes System.
Eine länger bestehende Linksherzinsuffizienz kann beispielsweise den Druck im Lungenkreislauf erhöhen.
Dadurch muss die rechte Herzkammer gegen einen höheren Widerstand pumpen.
Langfristig kann sie dadurch überlastet werden.
Also:
Linksherzinsuffizienz
↓
Blutstau in der Lunge
↓
pulmonaler Gefäßdruck steigt
↓
rechte Kammer muss gegen höheren Widerstand arbeiten
↓
Belastung des rechten Ventrikels
↓
sekundäre Rechtsherzinsuffizienz
↓
systemische venöse Stauung
↓
Ödeme + Halsvenenstauung + Aszites
Damit kann aus einer ursprünglichen Linksherzinsuffizienz irgendwann eine:
globale Herzinsuffizienz
werden.
Die Herzstiftung beschreibt ebenfalls die globale Herzinsuffizienz als Situation, in der beide Herzhälften betroffen sind. (Herz Stiftung)
16. Warum kann eine Rechtsherzinsuffizienz auch die linke Seite beeinflussen?
Hier wird es noch interessanter.
Die rechte Kammer liefert normalerweise Blut:
rechte Kammer → Lunge → linke Kammer
Wenn die rechte Kammer nicht genügend Blut in die Lunge befördert:
↓
kommt weniger Blut aus der Lunge zum linken Herzen zurück
↓
weniger Füllung des linken Ventrikels
↓
weniger Auswurf
↓
Herzzeitvolumen kann sinken.
Eine akute schwere Rechtsherzinsuffizienz kann daher durchaus zu einer verminderten Füllung des linken Ventrikels führen. Die ESC beschreibt bei akuter Rechtsherzinsuffizienz unter anderem die unzureichende Bereitstellung von Vorlast für den linken Ventrikel sowie eine systemische venöse Kongestion. (ESC 365)
17. Was passiert bei einer Herzinsuffizienz insgesamt?
Jetzt können wir das Ganze auf einen gemeinsamen Mechanismus reduzieren.
Das Herz pumpt weniger effektiv.
↓
Herzzeitvolumen sinkt
↓
Organe bekommen weniger Blut.
Der Körper interpretiert das teilweise wie einen Volumenmangel.
Und jetzt schaltet er seine Gegenmaßnahmen ein.
18. Sympathikus wird aktiviert
Der Körper sagt vereinfacht:
„Verdammt, der Druck fällt – wir müssen gegensteuern.“
Der Sympathikus wird aktiviert.
↓
Herzfrequenz steigt
↓
Kontraktionskraft steigt
↓
Gefäße verengen sich
↓
Blutdruck wird stabilisiert.
Kurzfristig sinnvoll.
Langfristig aber problematisch.
Denn:
Vasokonstriktion → höherer Gefäßwiderstand
Das Herz muss also gegen einen größeren Widerstand pumpen.
19. RAAS – die zweite große Gegenreaktion
Zusätzlich wird das:
Renin-Angiotensin-Aldosteron-System
aktiviert.
Vereinfacht:
Renin
↓
Angiotensin II
↓
Gefäßverengung
↓
Aldosteron
↓
Natrium wird zurückgehalten
↓
Wasser folgt dem Natrium
↓
mehr Flüssigkeit im Körper
Das klingt zunächst logisch.
Aber bei einem insuffizienten Herzen entsteht dadurch ein Teufelskreis:
Herz pumpt schlecht
↓
Körper hält Wasser zurück
↓
Blutvolumen steigt
↓
mehr Vorlast
↓
mehr Belastung für das Herz
↓
Stauung
↓
Ödeme
↓
noch mehr Herzbelastung.
20. Vorlast und Nachlast – zwei Begriffe, die hier Gold wert sind
Vorlast
Vereinfacht:
Wie viel Blut kommt zum Herzen zurück und füllt den Ventrikel?
Mehr venöser Rückstrom
→ mehr Füllung
→ höhere Vorlast.
Bei Herzinsuffizienz kann eine hohe Vorlast zur Stauung führen.
Nachlast
Vereinfacht:
Gegen welchen Widerstand muss das Herz auswerfen?
Beispielsweise:
Bluthochdruck → hoher Gefäßwiderstand
→ linke Kammer muss stärker gegen den Druck arbeiten.
Bei langjähriger Hypertonie muss der linke Ventrikel dauerhaft mehr leisten.
Das kann zunächst zu:
Linksventrikulärer Hypertrophie
führen.
Der Herzmuskel wird dicker.
Aber ein dicker Muskel ist nicht automatisch ein besserer Muskel.
Er kann zunehmend steif werden.
↓
schlechtere diastolische Füllung
↓
höhere Füllungsdrücke
↓
Linksherzinsuffizienz/HFpEF.
21. Die häufigsten Ursachen einer Herzinsuffizienz
Herzinsuffizienz ist kein einzelnes Krankheitsbild, sondern kann die Folge vieler Herzerkrankungen sein.
Wichtige Ursachen:
Koronare Herzkrankheit
Verengte Herzkranzgefäße
↓
Minderversorgung des Herzmuskels
↓
Myokardischämie
↓
eventuell Herzinfarkt
↓
geschädigter Herzmuskel
↓
Herzinsuffizienz.
Arterielle Hypertonie
Chronisch hoher Blutdruck
↓
erhöhte Nachlast
↓
dauerhafte Belastung des linken Ventrikels
↓
Hypertrophie und struktureller Umbau
↓
mögliche Herzinsuffizienz.
Herzklappenfehler
Beispielsweise:
- Aortenstenose
- Aorteninsuffizienz
- Mitralklappeninsuffizienz
- Mitralstenose
Die Klappe verändert entweder:
den Ausfluss
oder
den Blutfluss innerhalb des Herzens.
Dadurch kann das Herz chronisch überlastet werden. Die ESC hat 2025 ihre Leitlinien zu Herzklappenerkrankungen aktualisiert. (Escardio)
Herzrhythmusstörungen
Zum Beispiel:
Vorhofflimmern
Bei sehr schneller oder unregelmäßiger Herzaktivität kann die Pumpfunktion beeinträchtigt werden.
Auch schwere Bradykardien können problematisch sein.
Kardiomyopathien
Erkrankungen des Herzmuskels selbst.
Beispielsweise:
- dilatative Kardiomyopathie
- hypertrophe Kardiomyopathie
- bestimmte genetische Formen
- toxische Schädigungen
Myokarditis
Entzündung des Herzmuskels.
↓
Schädigung der Herzmuskelzellen
↓
mögliche Einschränkung der Pumpfunktion.
22. Akute und chronische Herzinsuffizienz
Chronische Herzinsuffizienz
Entwickelt sich über längere Zeit.
Der Körper kann sich teilweise anpassen.
Typisch:
- Belastungsdyspnoe
- Leistungsabnahme
- Müdigkeit
- Ödeme
- Gewichtszunahme
- Nykturie
- Orthopnoe
Akute Herzinsuffizienz
Entsteht plötzlich oder verschlechtert sich plötzlich.
Beispiele:
Herzinfarkt
↓
plötzliche Pumpfunktionsverschlechterung
↓
akute Linksherzinsuffizienz
↓
Lungenödem.
Oder:
akute schwere Rhythmusstörung
↓
Herzzeitvolumen fällt
↓
akute Dekompensation.
23. Kompensierte und dekompensierte Herzinsuffizienz
Ein Patient kann eine chronische Herzinsuffizienz haben und trotzdem relativ stabil sein.
Das nennt man vereinfacht:
kompensiert
Der Körper kann die Einschränkung noch ausreichend ausgleichen.
Wenn sich die Situation verschlechtert:
dekompensiert
Die bisherigen Kompensationsmechanismen reichen nicht mehr.
Dann können beispielsweise innerhalb kurzer Zeit auftreten:
- zunehmende Dyspnoe
- neue oder zunehmende Ödeme
- Gewichtszunahme
- Orthopnoe
- Leistungseinbruch
- Lungenstauung
24. Was sieht die Pflege?
Hier wird das Thema besonders praktisch.
Bei Verdacht auf zunehmende Herzinsuffizienz sind beispielsweise interessant:
Atmung
- Atemfrequenz
- Dyspnoe
- SpO₂
- Orthopnoe
- Atemgeräusche
- Rasselgeräusche
Kreislauf
- Blutdruck
- Puls
- Herzfrequenz
- Rhythmus
Flüssigkeitshaushalt
- Gewicht
- Ein-/Ausfuhr
- Ödeme
- Urinmenge
Stauungszeichen
- Knöchelödeme
- Unterschenkelödeme
- Sakralödeme
- Halsvenenstauung
- Aszites
25. Warum ist tägliches Wiegen so interessant?
Das ist ein schönes Beispiel dafür, dass Pflegebeobachtung teilweise früher etwas erkennt als das Auge.
Nehmen wir an:
Patient nimmt innerhalb kurzer Zeit
+2 kg
zu.
Das entspricht grob:
+2 Liter Wasser
wenn die Gewichtszunahme tatsächlich überwiegend durch Flüssigkeit verursacht wird.
Die Beine sehen vielleicht noch gar nicht dramatisch aus.
Das Gewicht kann aber bereits anzeigen:
Da sammelt sich etwas an.
Deshalb ist das tägliche Gewicht bei geeigneten Herzinsuffizienzpatienten eine wichtige Verlaufsbeobachtung.
26. Warum entstehen Ödeme?
Hier lohnt sich der Blick auf die Kapillare.
Normalerweise besteht ein Gleichgewicht zwischen:
Flüssigkeit tritt aus
und
Flüssigkeit wird wieder aufgenommen bzw. über das Lymphsystem abtransportiert.
Wenn der venöse Druck steigt:
↓
hydrostatischer Druck in den Kapillaren steigt
↓
mehr Flüssigkeit wird ins Interstitium gedrückt
↓
Lymphabfluss reicht irgendwann nicht mehr
↓
Ödem
Das erklärt wunderbar die Verbindung:
Rechtsherzinsuffizienz → venöse Stauung → hoher kapillärer Druck → Ödeme
27. Warum sind die Beine besonders betroffen?
Die Schwerkraft.
Im Stehen ist der hydrostatische Druck in den Gefäßen der Beine höher.
Deshalb:
Knöchel und Unterschenkel
sind typische Orte für Ödeme.
Nach längerem Liegen kann sich die Flüssigkeit stärker an anderen Stellen verteilen, beispielsweise im Sakralbereich.
Bei bettlägerigen Menschen muss man deshalb nicht nur auf die Knöchel schauen.
28. Herzinsuffizienz und Niere – ein sehr wichtiger Kreislauf
Herz und Niere sind eng miteinander verbunden.
Herz pumpt schlechter
↓
Nierendurchblutung kann abnehmen
↓
RAAS wird aktiviert
↓
Natrium + Wasser werden zurückgehalten
↓
Blutvolumen steigt
↓
Herz wird stärker belastet.
Zusätzlich kann ein hoher venöser Druck die Nierenfunktion beeinträchtigen.
Das Ganze wird unter dem Begriff:
kardiorenales Syndrom
zusammengefasst.
29. Typische Symptome einer Herzinsuffizienz verstehen statt auswendig lernen
Man kann viele Symptome aus einem einzigen Grundprinzip ableiten:
Zu wenig Vorwärtsfluss
→ Organe bekommen weniger Blut
→
- Müdigkeit
- Schwäche
- Leistungsabnahme
- eventuell Schwindel
Zu viel Rückwärtsstau
→ Flüssigkeit sammelt sich
→
links:
🫁 Lunge → Dyspnoe → Lungenödem
rechts:
🦵 Körper → Ödeme → Halsvenenstauung → Aszites
Das ist meiner Meinung nach der wichtigste Merksatz des gesamten Themas:
Herzinsuffizienz macht Probleme in zwei Richtungen: zu wenig nach vorne – zu viel Stau nach hinten.
30. Ein kompletter Kreislauf als Merkschema
Linksherzinsuffizienz
LV schwach
↓
↓ Auswurf in die Aorta
↓
Blut bleibt zurück
↓
↑ Druck im linken Vorhof
↓
↑ Druck in Lungenvenen
↓
↑ pulmonaler Kapillardruck
↓
Flüssigkeit tritt aus
↓
Lungenödem
↓
Dyspnoe
Rechtsherzinsuffizienz
RV schwach
↓
↓ Auswurf in die Lunge
↓
Blut bleibt im venösen System
↓
↑ zentralvenöser Druck
↓
↑ venöser Kapillardruck
↓
Flüssigkeit tritt ins Gewebe
↓
periphere Ödeme
↓
bei stärkerer Stauung:
Aszites + Halsvenenstauung + Gewichtszunahme
31. Und die Lunge ist nicht nur „Opfer“
Das ist noch ein interessanter Punkt.
Die rechte Herzkammer pumpt gegen den Widerstand des Lungenkreislaufs.
Wenn der Druck im Lungenkreislauf chronisch steigt, muss das rechte Herz mehr Arbeit leisten.
Zum Beispiel:
Linksherzinsuffizienz
↓
chronisch erhöhter Druck im Lungenkreislauf
↓
Belastung des rechten Ventrikels
↓
Umbau/Überlastung
↓
Rechtsherzinsuffizienz.
Das kann also zu einem echten Teufelskreis zwischen Herz und Lunge werden. Die ESC führt pulmonale Hypertonie und Rechtsherzfunktion ausdrücklich als eng miteinander verbundene Themen der kardiovaskulären Versorgung. (Escardio)
32. Andere wichtige Herzerkrankungen
Herzinsuffizienz ist zwar unser Schwerpunkt, aber die wichtigsten Herzerkrankungen lassen sich grob in Gruppen einteilen:
Koronare Herzkrankheiten
- KHK
- Angina pectoris
- Myokardinfarkt
Herzinsuffizienz
- Linksherzinsuffizienz
- Rechtsherzinsuffizienz
- globale Herzinsuffizienz
- HFrEF
- HFmrEF
- HFpEF
Herzrhythmusstörungen
- Vorhofflimmern
- Vorhofflattern
- SVT
- ventrikuläre Tachykardien
- Bradykardien
- AV-Block
Herzklappenerkrankungen
- Aortenstenose
- Aorteninsuffizienz
- Mitralstenose
- Mitralklappeninsuffizienz
Erkrankungen des Herzmuskels
- Kardiomyopathien
- Myokarditis
Erkrankungen des Herzbeutels
- Perikarditis
- Perikarderguss
- Herzbeuteltamponade
Angeborene Herzfehler
- Vorhofseptumdefekt
- Ventrikelseptumdefekt
- Fallot-Tetralogie
- und weitere.
33. Die wichtigste Unterscheidung für die Pflege
Wenn du bei einem Patienten Herzinsuffizienz vermutest, kannst du dir zunächst drei Fragen stellen:
1. Pumpt das Herz genug nach vorne?
Herzzeitvolumen
↓
Organdurchblutung?
2. Wo staut sich das Blut?
Links → Lunge
Rechts → Körpervenen
3. Wo sammelt sich Flüssigkeit?
Lunge → Dyspnoe
Gewebe → Ödeme
Pleura → Pleuraerguss
Bauchhöhle → Aszites
Das ergibt bereits einen erstaunlich großen Teil der klinischen Symptomatik.
🧠 Der große Merksatz
Links = Lunge. Rechts = Rest des Körpers.
Oder etwas pflegefreundlicher:
Links macht Luftnot, rechts macht dicke Beine.
Und für die Pathophysiologie:
Herzinsuffizienz = zu wenig Vorwärtsfluss + zu viel Rückwärtsstau.
Damit hast du eigentlich das Grundgerüst, aus dem sich Dyspnoe, Lungenödem, Orthopnoe, Rasselgeräusche, Ödeme, Halsvenenstauung, Aszites und Gewichtszunahme logisch herleiten lassen – statt sie einzeln auswendig zu pauken. Die ESC hat die Herzinsuffizienz-Klassifikation 2026 erneut aktualisiert; für Lernzwecke bleibt dieses hämodynamische Grundprinzip aber zentral. (Escardio)