Entwicklung des Menschen
Entwicklungsphasen ändern sich mit wachsendem Lebensalter:
- erste Lebensphase = körperliche seelische Entwicklung
- folgende Phasen = kognitive Entwicklung
- durch alle Phasen und besonders im höheren Alter = psychozoziale Entwicklung
Phasen der Entwicklung
Das Wissen der Lebensphasen für den Pflege-Alltag
- frühzeitiges Erkennen von Entwicklungsstörungen
- bei Erwachsenen: Verhalten und Erleben besser verstehen
- Gefahren und Risiken erkennen und daraus Maßnahmen für Wohlbefinden und Genesen ableiten
Gute Frage, Don. Die Entwicklung des Menschen wird je nach Fachgebiet etwas unterschiedlich eingeteilt. In der Pflege, Psychologie und Pädagogik begegnen dir oft die Modelle von Jean Piaget (kognitive Entwicklung), Erik Erikson (emotionale und soziale Entwicklung) und Sigmund Freud.
Für die Pflege ist Eriksons Modell oft besonders hilfreich, weil es beschreibt, welche "Lebensaufgaben" Menschen in den verschiedenen Lebensphasen bewältigen müssen.
Entwicklungsphasen des Menschen
Säuglingsalter (0–1 Jahr)
Körperlich
- Rasantes Wachstum
- Entwicklung von Motorik und Sinneswahrnehmung
Emotional (Erikson)
- Urvertrauen vs. Urmisstrauen
- Das Kind lernt: „Ist die Welt sicher? Werden meine Bedürfnisse erfüllt?"
Wichtig
- Bindung zu Bezugspersonen
- Nähe, Nahrung, Trost
Kleinkindalter (1–3 Jahre)
Körperlich
- Laufen lernen
- Sprache entwickelt sich
Emotional
- Autonomie vs. Scham und Zweifel
Das berühmte:
"Nein! Das mache ich alleine!"
😁
Das Kind entdeckt seinen eigenen Willen und möchte selbstständig werden.
Vorschulalter (3–6 Jahre)
Entwicklung
- Fantasie und Rollenspiele
- Soziale Kontakte werden wichtiger
Emotional
- Initiative vs. Schuldgefühl
Das Kind beginnt:
- Fragen zu stellen
- Dinge auszuprobieren
- Verantwortung im kleinen Rahmen zu übernehmen
Schulalter (6–12 Jahre)
Entwicklung
- Logisches Denken nimmt zu
- Freundschaften gewinnen an Bedeutung
Emotional
- Werksinn vs. Minderwertigkeitsgefühl
Das Kind möchte:
- Etwas können
- Anerkennung erhalten
- Erfolge erleben
Misslingt dies dauerhaft, können Minderwertigkeitsgefühle entstehen.
Jugend / Adoleszenz (ca. 12–20 Jahre)
Körperlich
- Pubertät
- Hormonelle Veränderungen
- Geschlechtsreife
Psychisch
- Ablösung von den Eltern
- Suche nach Identität
Erikson
- Identität vs. Rollendiffusion
Typische Fragen:
- Wer bin ich?
- Was will ich werden?
- Wo gehöre ich hin?
Viele Konflikte mit Eltern entstehen genau in dieser Phase, weil Jugendliche mehr Eigenständigkeit verlangen.
Frühes Erwachsenenalter (20–40 Jahre)
Lebensaufgaben
- Partnerschaft
- Familie
- Beruf
Erikson
- Intimität vs. Isolation
Der Mensch sucht:
- Nähe
- Bindung
- Zugehörigkeit
Mittleres Erwachsenenalter (40–65 Jahre)
Lebensaufgaben
- Verantwortung
- Weitergabe von Wissen
- Kinder begleiten
Erikson
- Generativität vs. Stagnation
Fragen dieser Phase:
- Was hinterlasse ich?
- Habe ich etwas Sinnvolles geschaffen?
- Wem kann ich helfen?
Das ist oft die Phase, in der Menschen Mentor, Ausbilder oder Ehrenamtlicher werden.
Höheres Erwachsenenalter / Alter (ab ca. 65 Jahre)
Herausforderungen
- Körperliche Einschränkungen
- Verlust von Partnern und Freunden
- Ruhestand
Erikson
- Ich-Integrität vs. Verzweiflung
Fragen:
- War mein Leben gelungen?
- Kann ich Frieden mit meinem Leben schließen?
Menschen, die ihr Leben akzeptieren können, entwickeln eher Gelassenheit. Andere erleben Bedauern oder Verbitterung.
Piaget: Entwicklung des Denkens
Falls du in der Kinderpflege oder Pädiatrie arbeitest, begegnet dir oft Piaget:
| Alter | Entwicklungsstufe |
|---|---|
| 0–2 Jahre | Sensomotorische Phase |
| 2–7 Jahre | Präoperationale Phase |
| 7–11 Jahre | Konkret-operationale Phase |
| ab 11 Jahre | Formal-operationale Phase |
Beispiel:
Ein Vierjähriger versteht oft noch nicht, dass die gleiche Wassermenge in einem hohen Glas und einem breiten Glas gleich viel sein kann. Ein Zehnjähriger versteht das problemlos.
Für die Pflege besonders wichtig
Wenn du Patienten beobachtest, hilft oft die Frage:
"Welche Entwicklungsaufgabe steht in diesem Lebensabschnitt eigentlich im Vordergrund?"
Beispiele:
- Der 2-Jährige will selbst essen → Autonomie.
- Der 15-Jährige diskutiert ständig mit den Eltern → Identitätsfindung.
- Der 50-Jährige engagiert sich als Praxisanleiter → Generativität.
- Die 85-Jährige erzählt oft aus ihrem Leben → Lebensrückblick und Ich-Integrität.
Dadurch wirken viele Verhaltensweisen plötzlich weniger "schwierig" und eher wie normale Entwicklungsschritte.
1. Konzept der Entwicklungsaufgaben
Forscher
- Robert J. Havighurst
Grundidee
Jede Lebensphase stellt bestimmte Aufgaben, die bewältigt werden müssen. Wer sie erfolgreich bewältigt, entwickelt sich günstig weiter. Misslingen sie, können spätere Probleme entstehen.
Normative Krisen, die alterstypische Konflikte beschreiben, betreffen alle heranwachsenden, nur jeder geht anders damit um.
Sie stellen die Entwicklungsaufgaben dar die für den Menschen notwendig sind um auf dem Entwicklungsweg weiter voran schreiten zu können und altersentsprechende Veränderungen erfahren zu können.
Beispiele
Jugend
Aufgaben:
- Eigene Identität entwickeln
- Freundschaften aufbauen
- Berufswahl treffen
- Ablösung vom Elternhaus
Alter
Aufgaben:
- Ruhestand bewältigen
- Körperliche Veränderungen akzeptieren
- Verluste verarbeiten
Stärken
- Praxisnah
- Gut für Pflege und Pädagogik
- Verdeutlicht typische Herausforderungen
Kritik
- Nicht jeder Mensch entwickelt sich gleich
- Gesellschaftliche Erwartungen verändern sich
- Lebensläufe werden immer individueller
2. Konzept der psychosozialen Entwicklung
Forscher
- Erik Erikson
Grundidee
Das ganze Leben besteht aus psychosozialen Konflikten.
Jede Lebensphase stellt einen Gegensatz dar.
Die Stufen:
Stufe 1 - Urvertrauen vs. Urmisstrauen
Stufe 2 - Autonomie vs. Scham und Zweifel
sich selbst entdecken
Stufe 3 - Initiative vs. Schuldgefühl
experimentieren möglich?
Stufe 4 - Kompetenz vs. Minderwertigkeit
wir wollen zeigen, dass wir es schaffen können
Stufe 5 - Identität vs. Identitäsdiffusion
unterschiedliche soziale Rollen, bei Möglichekeit zum Entdecken können diese ausgebildet werden
Stufe 6 - Intimität vs. Identitätsdiffusion
Freund und Partner
Stufe 7 - Generativitt vs. Stagnation
nicht verbittern
Stufe 8 - Integrität vs. Verzweiflung
nur noch auf den Tod warten unzufriedene Menschen
Säugling
Urvertrauen ↔ Urmisstrauen
Frage:
Kann ich mich auf die Welt verlassen?
Wenn Eltern zuverlässig reagieren: → Urvertrauen
Wenn Bedürfnisse häufig ignoriert werden: → Misstrauen
Jugend
Identität ↔ Rollendiffusion Konflikt mit den Eltern
Frage:
Wer bin ich eigentlich?
Stärken
- Betrachtet Entwicklung lebenslang
- Berücksichtigt soziale Beziehungen
- Gut auf Pflege übertragbar
Kritik
- Phasen oft zu starr
- Kulturelle Unterschiede wenig berücksichtigt
3. Konzept der kognitiven Entwicklung
Forscher
- Jean Piaget
Grundidee
Kinder denken nicht einfach weniger als Erwachsene. Sie denken grundsätzlich anders. Die Denkfähigkeit entwickelt sich stufenweise.
Assimilation: Akkomodationa: Das Ergebnis einer gelungenen Adaption ist auf jeden Fall wieder die Äquilibration.
Beispiel
Präoperationale Phase (2–7 Jahre)
Ein Kind sieht:
- Glas A: schmal und hoch
- Glas B: breit und niedrig
Gleiche Wassermenge.
Das Kind glaubt:
Im hohen Glas ist mehr Wasser.
Warum?
Weil es sich stark an sichtbaren Merkmalen orientiert.
Ab ca. 11 Jahren
Abstraktes Denken wird möglich.
Beispiel:
- Mathematik
- Politik
- Moralische Fragen
Stärken
- Große Bedeutung für Pädagogik
- Erklärt Denkentwicklung gut
Kritik
- Kinder können oft mehr als Piaget annahm
- Soziale Einflüsse werden unterschätzt
4. Strukturmodell der Psyche
Forscher
- Sigmund Freud
Grundidee
Die menschliche Psyche besteht aus drei Instanzen.
Es
- Triebe
- Bedürfnisse
- Lustprinzip
Beispiel:
Ich will jetzt Schokolade!
Ich
- Vernunft
- Realität
Beispiel:
Ich habe Diabetes. Lieber nicht.
Über-Ich
- Moral
- Gewissen
- Werte
Beispiel:
Das wäre ungesund und unvernünftig.
Beispiel
Ein Patient soll nüchtern bleiben.
Es
- Ich habe Hunger.
Ich
- Die Untersuchung ist wichtig.
Über-Ich
- Ich halte mich an die Regeln.
Stärken
- Einfach verständliches Modell
- Großer Einfluss auf Psychologie
Kritik
- Wissenschaftlich schwer überprüfbar
- Viele Annahmen nicht belegbar
5. Modell der produktiven Realitätsverarbeitung
Forscher
- Klaus Hurrelmann
Grundidee
Prozess der Persönlichkeitsentwicklung
Menschen entwickeln sich aktiv.
Sie werden nicht einfach von Umwelt oder Genen geformt.
Entwicklung entsteht aus dem Zusammenspiel von:
-
Innerer Realität
- Gene
- Körper
- Fähigkeiten
- Stärke
- Schwächen
und
-
Äußerer Realität
- Familie
- Schule
- Freunde
- Gesellschaft
Beispiel
Zwei Jugendliche wachsen in derselben Familie auf.
Trotzdem entwickeln sie sich unterschiedlich.
Warum?
Jeder verarbeitet seine Erfahrungen anders.
Stärken
- Sehr modernes Modell
- Berücksichtigt Umwelt und Eigeninitiative
- Gut auf Jugendliche anwendbar
Kritik
- Relativ komplex
- Weniger konkrete Entwicklungsstufen
6. Modell der kritischen Lebensereignisse
Forscher
- Häufig verbunden mit Richard Lazarus und Susan Folkman
Grundidee
Bestimmte Ereignisse können die Entwicklung stark beeinflussen. Sie stellen hohe Anforderungen an die Anpassungsfähigkeit.
Robert J. Havighurst beschreibt die Entwicklungsaufgaben.
Seine Grundidee:
Jede Lebensphase bringt typische Aufgaben mit sich.
Richard Lazarus und Susan Folkman beschäftigen sich weniger mit der Entwicklung als mit der Stressbewältigung (Coping).
Sie fragen:
Wie reagiert ein Mensch auf belastende Ereignisse?
Diese Ereignisse sind häufig nicht vorhersehbar und nicht Teil des normalen Entwicklungsverlaufs.
Zum Beispiel:
- schwere Erkrankung
- Unfall
- plötzlicher Tod eines Angehörigen
- Naturkatastrophe
- Arbeitsplatzverlust
- Scheidung
- Gewalt
- Flucht
Sie können in jedem Alter auftreten.
Warum heißen sie "kritische Lebensereignisse"?
"Kritisch" bedeutet hier nicht nur "schlimm", sondern:
Das Ereignis stellt das bisherige Leben infrage und erfordert eine neue Anpassung.
Ob ein Ereignis tatsächlich als Krise erlebt wird, hängt laut Lazarus und Folkman von der individuellen Bewertung ab.
Ein Arbeitsplatzverlust kann für den einen eine Katastrophe sein, für den anderen eine Chance.
Merkhilfe für die Prüfung
Normative Krise (Havighurst):
"Das Leben stellt dir eine Aufgabe."
Nicht normative Krise (Lazarus & Folkman):
"Das Leben überrascht dich mit einem belastenden Ereignis."
Beispiele
Positive Ereignisse
- Geburt eines Kindes
- Hochzeit
- Berufsabschluss
Belastende Ereignisse
- Scheidung
- Krebsdiagnose
- Tod eines Angehörigen
- Arbeitslosigkeit
Wichtiger Gedanke
Nicht das Ereignis selbst entscheidet.
Entscheidend ist:
Wie bewertet und verarbeitet der Mensch das Ereignis?
Zwei Personen können denselben Schicksalsschlag völlig unterschiedlich bewältigen.
Stärken
- Realitätsnah
- Gut auf Krisen und Pflege übertragbar
Kritik
- Vorhersagen schwierig
- Menschen reagieren sehr unterschiedlich
Merkhilfe für die Prüfung
| Modell | Zentrale Frage |
|---|---|
| Entwicklungsaufgaben (Havighurst) | Welche Aufgaben muss ich in diesem Alter bewältigen? |
| Psychosoziale Entwicklung (Erikson) | Welchen inneren Konflikt muss ich lösen? |
| Kognitive Entwicklung (Piaget) | Wie entwickelt sich mein Denken? |
| Strukturmodell (Freud) | Welche Kräfte wirken in meiner Psyche? |
| Produktive Realitätsverarbeitung (Hurrelmann) | Wie verarbeite ich Umwelt und Anlagen? |
| Kritische Lebensereignisse | Wie gehe ich mit belastenden Veränderungen um? |
Für die Pflegepraxis sind meist Erikson, Havighurst und Hurrelmann am nützlichsten. Piaget hilft besonders in der Pädiatrie, Freud begegnet dir eher in Theorieprüfungen, und das Modell der kritischen Lebensereignisse ist sehr hilfreich bei Patienten mit schweren Diagnosen, Verlusten oder chronischen Erkrankungen.