Bobath

Bobath ist kein starres Bewegungsprogramm und auch kein Wundermittel nach Schlaganfall. Die wissenschaftliche Evidenz zeigt keinen generellen Vorteil gegenüber anderen Rehabilitationsansätzen. Der große praktische Wert liegt eher darin, wie konsequent Pflege, Therapie und Alltag miteinander verbunden werden können. (PubMed)

1. Was ist das Bobath-Konzept?

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Das Bobath-Konzept ist ein interprofessioneller Ansatz zur Rehabilitation und Betreuung von Menschen mit neurologischen Erkrankungen und Bewegungsstörungen.

Es wurde ursprünglich von Berta Bobath, einer Physiotherapeutin, und ihrem Ehemann Dr. Karel Bobath, einem Neurologen, entwickelt. Im Mittelpunkt steht nicht das isolierte Trainieren einzelner Muskeln, sondern die Frage:

Wie kann ein Mensch mit einer neurologischen Schädigung seine Bewegungen und alltäglichen Aktivitäten möglichst selbstständig und sinnvoll wieder durchführen?

Dabei wird der Patient nicht einfach „bewegt“, sondern möglichst aktiv in die Bewegung einbezogen.

Das ist für die Pflege besonders interessant.

Denn ein Patient wird nicht nur während einer 30-minütigen Physiotherapie bewegt. Er wird beispielsweise:

  • morgens gewaschen,
  • angezogen,
  • im Bett mobilisiert,
  • zum Sitzen gebracht,
  • auf einen Stuhl umgesetzt,
  • beim Essen unterstützt,
  • zur Toilette begleitet,
  • wieder ins Bett gebracht
  • und abends erneut gelagert.

Damit bietet der Pflegealltag unzählige Möglichkeiten, Bewegung und Selbstständigkeit zu fördern.

Die deutsche Bobath-Fachgesellschaft beschreibt deshalb Pflege ausdrücklich als wesentlichen Bestandteil eines 24-Stunden-Ansatzes. In der Pflege sollen therapeutische Prinzipien in alltägliche Aktivitäten übertragen werden. (bobath-konzept-deutschland.de)


2. Bei welchen Patienten wird Bobath eingesetzt?

Das Konzept wird insbesondere bei Menschen mit neurologischen Erkrankungen und Schädigungen des zentralen Nervensystems eingesetzt.

Typische Beispiele sind:

  • Apoplex/Schlaganfall
  • Hemiparese und Hemiplegie
  • Schädel-Hirn-Trauma
  • Multiple Sklerose
  • Parkinson-Syndrom
  • Hirnblutungen
  • Tumoren des Gehirns
  • hypoxische Hirnschädigungen
  • andere neurologische Erkrankungen mit Bewegungs- und Wahrnehmungsstörungen

Auch bei Menschen mit Querschnittlähmung können einzelne Prinzipien der Bewegungsanbahnung, Wahrnehmungsförderung und selbstständigen Aktivität relevant sein.

Das Bobath-Konzept ist allerdings nicht auf eine bestimmte Diagnose beschränkt.

Entscheidend ist vielmehr:

Welche Bewegungs-, Wahrnehmungs- und Aktivitätsprobleme hat dieser konkrete Mensch?


3. Die zentrale Idee: Nicht für den Patienten tun, was er selbst tun kann

Das ist wahrscheinlich einer der wichtigsten Gedanken für die Pflege.

Ein Patient mit Hemiparese kann beispielsweise beim Waschen Unterstützung benötigen.

Man könnte nun einfach den betroffenen Arm nehmen und ihn waschen.

Das Problem:

Der Patient war dabei möglicherweise passiv.

Bobath versucht dagegen, vorhandene Fähigkeiten zu nutzen.

Beispielsweise:

„Herr Müller, versuchen Sie einmal, Ihre linke Hand zum Waschlappen zu führen.“

Die Pflegekraft unterstützt nur dort, wo Unterstützung notwendig ist.

Dadurch entsteht:

Wahrnehmen → versuchen → bewegen → Rückmeldung bekommen → Bewegung wiederholen

Diese wiederholte aktive Beteiligung ist für neurologisches Lernen wesentlich.

Das bedeutet allerdings nicht:

„Der Patient muss alles alleine machen.“

Sondern:

So viel Unterstützung wie nötig – aber so wenig wie möglich.

Das ist ein hervorragendes Pflegeprinzip.


4. Neuroplastizität – warum Wiederholung wichtig ist

Ein wichtiger Hintergrund moderner neurologischer Rehabilitation ist die Neuroplastizität.

Neuroplastizität

Neuroplastizität bezeichnet die Fähigkeit des Nervensystems, sich strukturell und funktionell anzupassen.

Nach einer Schädigung können beispielsweise vorhandene neuronale Netzwerke anders genutzt oder Funktionen teilweise durch andere Netzwerke übernommen werden.

Vereinfacht:

Das Gehirn ist kein fest verdrahteter Schaltkasten.

Es kann lernen.

Allerdings braucht Lernen:

  • Aktivität
  • Wiederholung
  • Aufmerksamkeit
  • sensorische Rückmeldung
  • sinnvolle Aufgaben
  • möglichst aktive Beteiligung

Genau hier wird der Pflegealltag interessant.

Wenn ein Patient jeden Morgen beim Anziehen die betroffene Seite mit einbezieht, bekommt er täglich eine zusätzliche Gelegenheit, Bewegung und Körperwahrnehmung zu üben.


5. Bobath bedeutet nicht einfach „richtig lagern“

Ein häufiges Missverständnis ist:

Bobath = spezielle Lagerung.

Das greift deutlich zu kurz.

Zum Bobath-Ansatz gehören unter anderem:

  • Bewegungsanalyse
  • Förderung der Körperwahrnehmung
  • Gestaltung von Ausgangspositionen
  • Bewegungsübergänge
  • Mobilisation
  • Unterstützung physiologischer Bewegungsmuster
  • Förderung der betroffenen Körperseite
  • Gestaltung von Alltagsaktivitäten
  • Vermeidung unnötiger Kompensation
  • Förderung von Selbstständigkeit
  • Anpassung der Unterstützung an die Fähigkeiten des Patienten

Lagerung ist also nur ein Teil des Ganzen.


6. Die betroffene Seite nicht vergessen

Nach einem Schlaganfall kann beispielsweise eine Hemiparese auftreten.

Dabei ist eine Körperhälfte unterschiedlich stark beeinträchtigt.

Ein typisches Problem:

Der Patient benutzt automatisch die gesunde Seite.

Das ist verständlich.

Wenn die linke Hand nicht funktioniert, nimmt man eben die rechte.

Wenn das linke Bein unsicher ist, belastet man stärker das rechte.

Wenn die linke Seite beim Waschen vergessen wird, übernimmt die rechte Seite einfach den Job.

Dadurch kann die betroffene Seite immer weniger in alltägliche Aktivitäten einbezogen werden.

Im Bobath-Konzept wird deshalb versucht, die betroffene Seite in die Aktivität einzubeziehen.

Nicht durch Zwang, sondern durch geeignete Gestaltung der Situation.


7. Beispiel: Körperpflege

Nehmen wir einen Patienten nach rechtsseitigem Schlaganfall mit einer linksseitigen Hemiparese.

Die Pflegekraft könnte:

Ungünstige Vorgehensweise

Die Pflegekraft wäscht den linken Arm vollständig selbst.

Der Patient wäscht mit der rechten Hand den Rest.

Der Patient bleibt weitgehend passiv.

Aktivierender Ansatz

Die Pflegekraft positioniert den Patienten so, dass die linke Seite berücksichtigt wird.

Dann:

  • Patient greift möglichst selbst nach dem Waschlappen.
  • Die betroffene Hand wird gegebenenfalls unterstützt.
  • Die Pflegekraft hilft bei der Bewegung.
  • Der Patient versucht, die Bewegung selbst auszuführen.
  • Die Bewegung wird nicht unnötig vollständig übernommen.

Damit wird aus:

„Ich wasche den Patienten.“

eher:

„Ich unterstütze den Patienten dabei, sich selbst zu waschen.“

Das ist ein ziemlich fundamentaler Unterschied.


8. Beispiel: Anziehen

Beim Anziehen einer Hemiparese gilt häufig das Prinzip:

Betroffene Seite zuerst hinein, gesunde Seite zuerst heraus.

Beispiel:

Der linke Arm ist paretisch.

Beim Anziehen eines T-Shirts:

  1. linker Arm wird vorbereitet,
  2. Patient führt ihn möglichst aktiv in den Ärmel,
  3. rechte Seite folgt,
  4. anschließend wird das Kleidungsstück angepasst.

Beim Ausziehen:

  1. gesunde Seite zuerst,
  2. anschließend die betroffene Seite.

Warum?

Weil der betroffene Arm beim Anziehen weniger aktiv über den Kopf oder hinter den Körper bewegt werden muss.

Wichtig:

Das ist kein starrer Bobath-Befehl, der für jeden Patienten identisch gilt.

Die Vorgehensweise muss an Beweglichkeit, Kraft, Tonus, Schmerzen, Schulterstabilität und Fähigkeiten des Patienten angepasst werden.


9. Bewegungsübergänge

Ein besonders wichtiger Bestandteil ist die Gestaltung von Übergängen.

Beispiele:

Liegen → Sitzen

Sitzen → Stehen

Stehen → Gehen

Bett → Rollstuhl

Rollstuhl → Toilette

Gerade hier kann Pflege sehr viel bewirken.

Ein Patient sollte nicht einfach wie ein Paket vom Bett in den Rollstuhl „umgesetzt“ werden.

Besser ist:

Der Patient wird möglichst aktiv beteiligt.

Zum Beispiel:

  • Füße positionieren
  • Oberkörper nach vorne bringen
  • Gewicht verlagern
  • sich abstützen
  • aufstehen
  • Gleichgewicht finden
  • drehen
  • kontrolliert hinsetzen

Dadurch wird aus einem Transfer gleichzeitig eine motorische Lerngelegenheit.


10. Gewichtsverlagerung

Eine wichtige Rolle spielt die Gewichtsverlagerung.

Nach einem Schlaganfall kann ein Patient beispielsweise bevorzugt die gesunde Seite belasten.

Dann sieht man beim Sitzen oder Stehen häufig eine deutliche Asymmetrie.

Die Pflegekraft kann durch die Gestaltung der Ausgangsposition und durch gezielte Unterstützung dazu beitragen, dass der Patient seinen Körper wieder besser wahrnimmt und Gewicht verlagert.

Beispielsweise:

Sitzen

Patient sitzt aufrecht.

→ beide Füße stehen möglichst sicher.

→ Gewicht wird kontrolliert verlagert.

→ Patient richtet den Rumpf wieder auf.

Das kann später für das Aufstehen entscheidend sein.


11. Rumpfkontrolle

Ein oft unterschätzter Bereich ist der Rumpf.

Viele denken bei neurologischen Patienten zuerst an:

Arm kaputt – Bein kaputt.

Aber der Rumpf ist für fast jede funktionelle Bewegung entscheidend.

Zum Beispiel:

Aufstehen

Ohne ausreichende Rumpfkontrolle wird das schwierig.

Greifen

Der Körper muss stabilisiert werden.

Gehen

Der Rumpf muss ständig ausbalancieren.

Anziehen

Auch hierfür braucht man eine stabile Körpermitte.

Deshalb spielt die Kontrolle von Kopf und Rumpf im Bobath-Konzept eine wichtige Rolle.


12. Tonus – Spastik und Hypotonie

Neurologische Erkrankungen können den Muskeltonus verändern.

Muskeltonus

Der Muskeltonus bezeichnet vereinfacht die Grundspannung eines Muskels.

Nach einer Schädigung des zentralen Nervensystems kann beispielsweise eine:

  • Hypotonie → zu niedrige Muskelspannung

oder später beziehungsweise situationsabhängig eine:

  • Hypertonie → erhöhte Muskelspannung

auftreten.

Eine besondere Form der Hypertonie ist die:

Spastik

Spastik ist eine geschwindigkeitsabhängige Erhöhung des Muskeltonus infolge einer Schädigung bestimmter motorischer Bahnen des zentralen Nervensystems.

Dabei können bestimmte Bewegungsmuster entstehen.

Beispielsweise:

  • Arm in Beugestellung
  • Hand zur Faust
  • Bein eher gestreckt
  • Fuß in Spitzfußstellung

Bobath versucht nicht einfach, einen „steifen Muskel“ mechanisch zu dehnen.

Vielmehr wird die gesamte Bewegungssituation betrachtet:

Position + Wahrnehmung + Bewegung + Muskelaktivität + Aufgabe


13. Wahrnehmung ist genauso wichtig wie Bewegung

Neurologische Patienten haben nicht nur motorische Probleme.

Es können auch Wahrnehmungsstörungen auftreten.

Beispiele:

  • Sensibilitätsstörungen
  • gestörte Propriozeption
  • Neglect
  • veränderte Körperwahrnehmung
  • visuelle Wahrnehmungsstörungen

Propriozeption

Das ist die Wahrnehmung der Stellung und Bewegung des eigenen Körpers.

Vereinfacht:

Wo befindet sich mein Arm, obwohl ich nicht hinschaue?

Das Gehirn erhält dazu Informationen aus:

  • Muskeln
  • Sehnen
  • Gelenken
  • Haut
  • Gleichgewichtssystem
  • Augen

Deshalb reicht es bei neurologischen Patienten nicht, nur zu sagen:

„Bewegen Sie Ihren Arm.“

Man muss auch berücksichtigen:

Kann der Patient seinen Arm überhaupt ausreichend wahrnehmen?


14. Neglect

Ein besonders interessantes Beispiel ist der Neglect.

Ein Patient mit beispielsweise einer rechtshemisphärischen Hirnschädigung kann Schwierigkeiten haben, die linke Seite seiner Umgebung oder seines eigenen Körpers ausreichend zu beachten.

Der Arm ist dann nicht unbedingt gelähmt.

Das Problem kann vielmehr darin liegen, dass der Patient ihn nicht ausreichend berücksichtigt.

Beispielsweise:

Der Patient:

  • rasiert die linke Gesichtshälfte nicht,
  • zieht den linken Ärmel nicht an,
  • isst nur die rechte Hälfte des Tellers,
  • stößt mit dem linken Arm irgendwo an.

Hier wird deutlich:

Neurologische Pflege ist mehr als Muskelpflege.


15. Bobath und die Pflege: Warum ist das für Pflegekräfte interessant?

Der entscheidende Vorteil besteht darin, dass Pflege und Therapie nicht voneinander getrennt stattfinden müssen.

Physiotherapie vielleicht:

09:30 Uhr

Ergotherapie:

11:00 Uhr

Pflege:

24 Stunden.

Genau deshalb wird der Pflege im Bobath-Konzept eine besondere Rolle zugeschrieben. Therapeutisch erarbeitete Bewegungs- und Handlungsstrategien können in alltäglichen Situationen weitergeführt werden. (bobath-konzept-deutschland.de)

Die Pflegekraft hat dabei einen entscheidenden Vorteil:

Sie sieht den Patienten in echten Alltagssituationen.

Nicht nur beim Training.


16. Die wichtigsten Pflegehandlungen als Bobath-Lerngelegenheiten

Pflegehandlung Mögliche Bobath-Idee
Waschen aktive Beteiligung fördern
Anziehen betroffene Seite einbeziehen
Essen stabile Sitzposition und Selbstständigkeit
Transfer Patient aktiv mitarbeiten lassen
Toilettengang Bewegungsabläufe fördern
Mobilisation Gewichtsverlagerung und Gleichgewicht
Lagerung Körperwahrnehmung und günstige Ausgangsposition
Aufstehen Bewegungsübergang statt „Hochziehen“
Hinsetzen kontrollierte Bewegung
Gehen sichere, aktive Beteiligung
Bett verlassen möglichst eigenständige Teilbewegungen

17. Vorteil für den Patienten: mehr Selbstständigkeit

Das wichtigste Ziel ist nicht:

„Der Patient bewegt sich schön.“

Sondern:

Der Patient kann möglichst viel selbst tun.

Das kann beispielsweise bedeuten:

Stufe 1

Pflegekraft übernimmt fast alles.

Stufe 2

Patient kann einzelne Bewegungen übernehmen.

Stufe 3

Patient benötigt nur noch Unterstützung.

Stufe 4

Patient führt die Handlung selbstständig aus.

Das ist für den Patienten enorm wichtig.

Denn Selbstständigkeit bedeutet nicht nur körperliche Unabhängigkeit.

Sie bedeutet auch:

  • Selbstvertrauen
  • Kontrolle
  • Würde
  • Motivation
  • Teilhabe
  • weniger Abhängigkeit von anderen

18. Vorteil für die Pflegekraft

Auch für Pflegekräfte kann ein konsequent angewandter Ansatz Vorteile haben.

Ein wichtiger Punkt ist die ergonomische Arbeitsweise.

Wenn die Pflegekraft einen Patienten vollständig hebt, zieht und dreht, entsteht eine erhebliche körperliche Belastung.

Wenn der Patient dagegen seine vorhandenen Fähigkeiten nutzt, verteilt sich die Bewegung anders.

Beispiel:

Nicht:

„Ich ziehe Sie jetzt hoch.“

Sondern:

„Stellen Sie bitte beide Füße auf. Beugen Sie sich etwas nach vorne. Und jetzt drücken Sie sich mit hoch.“

Die Pflegekraft unterstützt die Bewegung, statt sie vollständig zu übernehmen.

Das kann Rücken und Gelenke der Pflegekraft entlasten.

Die Bobath-Fachgesellschaft nennt ausdrücklich rückenschonende Arbeitsweisen und eine höhere Berufszufriedenheit als mögliche Vorteile für Bobath-Pflegende. (bobath-konzept-deutschland.de)


19. Aber Vorsicht: Bobath bedeutet nicht „Patient alles alleine machen lassen“

Das wäre die andere Extremposition.

Ein Patient mit schwerer Hemiparese kann beispielsweise sturzgefährdet sein.

Dann wäre es fahrlässig zu sagen:

„Bobath! Machen Sie mal selbst.“

Bobath bedeutet nicht, Sicherheit zugunsten von Aktivierung aufzugeben.

Es muss immer abgewogen werden:

Was kann der Patient?

Was kann er heute?

Was kann er unter Anleitung?

Wo braucht er Unterstützung?

Wo besteht Sturz- oder Verletzungsgefahr?

Welche Hilfsmittel sind notwendig?


20. Sicherheit vor Aktivierung

Besonders wichtig sind:

  • Sturzrisiko
  • Kreislaufstabilität
  • Belastbarkeit
  • Schmerz
  • Schulterinstabilität
  • Osteoporose
  • Kontrakturen
  • Spastik
  • Sensibilitätsstörungen
  • kognitive Einschränkungen
  • Aphasie
  • Neglect

Ein Patient nach Schlaganfall kann beispielsweise nicht nur motorisch eingeschränkt sein.

Er kann gleichzeitig:

  • einen Neglect,
  • eine Aphasie,
  • eine Sensibilitätsstörung
  • und eine Gangunsicherheit

haben.

Dann muss die Pflegekraft die Situation entsprechend anpassen.


21. Besonders wichtig: die Schulter

Bei einer Hemiparese ist die Schulter besonders gefährdet.

Der Arm darf beispielsweise nicht einfach am betroffenen Arm hochgezogen werden.

Problematisch können unter anderem sein:

  • Schulterinstabilität
  • Subluxation
  • Schmerzen
  • Bewegungseinschränkungen
  • Fehlbelastungen

Deshalb sollte die Pflegekraft bei Transfers und Mobilisation auf eine geeignete Unterstützung des betroffenen Arms achten.

Nicht am paretischen Arm ziehen.

Das ist einer der praktischen Merksätze, die man sich wirklich merken darf.


22. Kommunikation gehört dazu

Bobath ist nicht nur „Hand anlegen“.

Die Kommunikation kann die Aktivität des Patienten wesentlich beeinflussen.

Ungünstig:

„Ich mache das jetzt.“

Besser:

„Versuchen Sie einmal, Ihren rechten Fuß aufzustellen.“

Noch besser:

„Was glauben Sie, können Sie gerade selbst machen?“

Damit wird der Patient zum handelnden Menschen und nicht zum Objekt der Pflege.


23. Ein Beispiel aus dem Pflegealltag

Patient nach Schlaganfall:

Hemiparese links

Morgens soll er vom Bett in den Rollstuhl.

Variante A – schnell

Pflegekraft:

„Kommen Sie.“

Sie zieht den Patienten hoch, dreht ihn und setzt ihn in den Rollstuhl.

Zeit:

2 Minuten.

Patient:

fast vollständig passiv.

Variante B – aktivierend

Pflegekraft:

„Wir machen das gemeinsam.“

Patient:

  • richtet sich auf,
  • stellt den rechten Fuß auf,
  • positioniert den linken Fuß,
  • verlagert den Oberkörper,
  • drückt sich hoch,
  • steht,
  • dreht sich,
  • setzt sich kontrolliert.

Pflegekraft:

  • gibt Sicherheit,
  • unterstützt gezielt,
  • korrigiert,
  • übernimmt nur notwendige Bewegungsanteile.

Zeit:

Vielleicht 5 Minuten.

Aber der Patient hat dabei gleichzeitig trainiert:

  • Rumpfkontrolle
  • Gewichtsverlagerung
  • Beinbelastung
  • Gleichgewicht
  • Orientierung
  • Bewegungsplanung
  • Transfer

Das ist der große Gedanke hinter dem 24-Stunden-Ansatz.


24. Bobath ist keine „Magie“

Hier lohnt sich ein Blick auf die wissenschaftliche Evidenz.

Die Studienlage ist wesentlich differenzierter als manchmal in Ausbildung oder Praxis dargestellt.

Systematische Reviews konnten keine generelle Überlegenheit des Bobath-Konzepts gegenüber anderen Rehabilitationsverfahren zeigen. Das betrifft unter anderem Mobilität, Aktivitäten des täglichen Lebens und motorische Funktionen nach Schlaganfall. (PubMed)

Eine systematische Übersichtsarbeit zur Armrehabilitation nach Schlaganfall kam sogar zu dem Ergebnis, dass Bobath bei bestimmten Armaktivitäten gegenüber aufgabenorientiertem Training schlechter abschnitt. (PubMed)

Das bedeutet aber nicht:

„Bobath funktioniert nicht.“

Es bedeutet vielmehr:

Es gibt keine ausreichende Evidenz dafür, dass Bobath als Gesamtkonzept anderen modernen Rehabilitationsansätzen grundsätzlich überlegen ist.

Das ist ein wichtiger Unterschied.


25. Moderne Interpretation

Das heutige Bobath-Konzept ist außerdem nicht mehr identisch mit einer alten Vorstellung von:

„Spastik hemmen → normale Bewegung herstellen → Patient bewegt sich richtig.“

Neuere Beschreibungen betonen stärker:

  • klinisches Reasoning
  • Bewegungsanalyse
  • individuelle Problemlösung
  • Wahrnehmung
  • funktionelle Aktivität
  • Kontext
  • aktive Beteiligung
  • zielgerichtete Bewegung

Eine 2025 veröffentlichte Scoping Review beschreibt genau diese Weiterentwicklung und hebt unter anderem klinisches Reasoning, Bewegungsanalyse und die individuelle Betrachtung von Bewegung hervor. (PubMed)


26. Bobath versus modernes aufgabenorientiertes Training

Hier sollte man nicht in ein künstliches „Bobath gegen alles andere“ verfallen.

Moderne neurologische Rehabilitation nutzt häufig:

Task-specific training

also:

Die konkrete Fähigkeit wird in einer möglichst konkreten Situation wiederholt geübt.

Beispiel:

Wenn jemand Schwierigkeiten beim Aufstehen hat:

nicht nur:

„Wir trainieren einzelne Beinmuskeln.“

sondern:

Aufstehen üben.

Immer wieder.

Oder beim Greifen:

nicht nur:

„Wir bewegen den Arm.“

sondern:

Nach einer Tasse greifen.

Dadurch bekommt Bewegung einen funktionellen Sinn.

Viele dieser Prinzipien lassen sich sehr gut mit einer aktivierenden Bobath-orientierten Pflege verbinden.


27. Bobath und „aktivierende Pflege“ – zwei ziemlich gute Nachbarn

Hier gibt es eine große Überschneidung.

Aktivierende Pflege bedeutet:

vorhandene Fähigkeiten erkennen, erhalten und fördern.

Bobath ergänzt dazu insbesondere die neurologische Perspektive:

Wie kann ich Bewegung, Wahrnehmung und Haltung so unterstützen, dass der Patient seine vorhandenen Fähigkeiten möglichst sinnvoll einsetzen kann?

Deshalb passen beide Ansätze im Pflegealltag gut zusammen.


28. Was verändert sich dadurch für die Pflege?

Ohne aktivierenden Ansatz:

Pflegekraft → macht etwas mit dem Patienten

Mit aktivierendem Ansatz:

Pflegekraft → ermöglicht dem Patienten, etwas selbst zu tun

Das ist vielleicht die wichtigste Veränderung.

Man könnte es als Übergang beschreiben von:

„Versorgen“

zu

„Befähigen“

Und genau das ist für neurologische Rehabilitation enorm wichtig.


29. Vorteile für den Patienten

Mögliche Vorteile einer konsequent aktivierenden, individuell angepassten Pflege sind:

  • Förderung der Selbstständigkeit
  • Einbeziehung der betroffenen Körperseite
  • Förderung von Körperwahrnehmung
  • Unterstützung von Bewegungslernen
  • Erhaltung vorhandener Fähigkeiten
  • Vermeidung unnötiger Immobilität
  • mehr Eigenaktivität
  • mehr Selbstvertrauen
  • Förderung der Teilhabe
  • bessere Integration therapeutischer Ziele in den Alltag

Diese Vorteile sollte man allerdings nicht pauschal als spezifischen wissenschaftlichen Effekt des Bobath-Konzepts darstellen. Dafür ist die Evidenz nicht ausreichend.


30. Vorteile für Pflegekräfte

Auch für Pflegekräfte kann der Ansatz interessant sein:

  • Patient übernimmt mehr Aufgaben selbst
  • weniger vollständiges Heben und Tragen
  • ergonomischere Bewegungen
  • strukturierter Umgang mit neurologischen Patienten
  • bessere Beobachtung von Bewegungsfähigkeiten
  • engere Zusammenarbeit mit Physio- und Ergotherapie
  • gemeinsame therapeutische Ziele
  • mehr Verständnis für neurologische Bewegungsstörungen

Und ein ganz praktischer Vorteil:

Man sieht plötzlich, dass Pflegehandlungen gleichzeitig Therapiegelegenheiten sein können.


31. Interprofessionelle Zusammenarbeit

Bobath funktioniert besonders gut, wenn nicht jeder Berufsgruppe ihr eigenes Süppchen kocht.

Beispiel:

Physiotherapie:

„Patient soll beim Aufstehen mehr Gewicht auf das betroffene Bein bringen.“

Ergotherapie:

„Patient soll die betroffene Hand bei Alltagsaktivitäten einsetzen.“

Pflege:

„Dann achten wir beim Waschen, Anziehen und Transfer ebenfalls darauf.“

Dadurch entsteht ein gemeinsames Konzept.

Der Patient erlebt nicht:

09:00 Uhr Physiotherapie → etwas völlig anderes

11:00 Uhr Ergotherapie → wieder etwas anderes

14:00 Uhr Pflege → alles wieder vergessen

sondern möglichst:

Ein gemeinsames Prinzip über den gesamten Tag.


32. Beobachtung ist ein wichtiger Teil der Bobath-orientierten Pflege

Pflegekräfte verbringen sehr viel Zeit mit Patienten.

Deshalb können sie Veränderungen beobachten, die während einer kurzen Therapieeinheit möglicherweise nicht auffallen.

Beispielsweise:

  • Patient kann plötzlich besser sitzen
  • betroffene Hand wird häufiger benutzt
  • Patient belastet das betroffene Bein stärker
  • Spastik nimmt bei bestimmten Situationen zu
  • Patient verliert beim Aufstehen das Gleichgewicht
  • Patient kann eine Bewegung nach Anleitung durchführen
  • Patient ermüdet schnell
  • Patient benötigt weniger Unterstützung

Diese Beobachtungen können anschließend an Physio- oder Ergotherapie weitergegeben werden.


33. Bobath als Denkweise

Vielleicht ist das die beste Definition für die Pflege:

Bobath ist weniger eine einzelne Technik als eine Denk- und Handlungsweise, mit der die Fähigkeiten eines neurologisch beeinträchtigten Menschen im Alltag erkannt, genutzt und weiterentwickelt werden sollen.

Man fragt also nicht zuerst:

„Was kann ich für den Patienten tun?“

Sondern:

„Was kann der Patient selbst – und wie kann ich ihn dabei unterstützen?“


34. Die wichtigsten Merksätze für die Pflege

1. So viel Hilfe wie nötig – so wenig wie möglich.

2. Nicht für den Patienten tun, was er selbst tun kann.

3. Die betroffene Seite möglichst in Aktivitäten einbeziehen.

4. Bewegungen nicht unnötig erzwingen.

5. Patient aktiv beteiligen.

6. Bewegungsübergänge nutzen.

7. Sicherheit geht vor Aktivierung.

8. Nicht am paretischen Arm ziehen.

9. Wahrnehmungsstörungen berücksichtigen.

10. Pflege und Therapie sollten gemeinsame Ziele verfolgen.


35. Der vielleicht wichtigste Satz für die Prüfung

Wenn dich jemand in der Prüfung fragt:

„Was ist das Bobath-Konzept?“

könntest du sinngemäß antworten:

Das Bobath-Konzept ist ein interprofessioneller Ansatz der neurologischen Rehabilitation. Ziel ist es, Menschen mit neurologischen Bewegungs- und Wahrnehmungsstörungen durch individuelle Gestaltung von Bewegung, Körperwahrnehmung und Alltagsaktivitäten zu möglichst großer Selbstständigkeit zu befähigen. In der Pflege werden die Prinzipien insbesondere bei Lagerung, Mobilisation, Transfers und Aktivitäten des täglichen Lebens angewendet. Dabei soll der Patient möglichst aktiv beteiligt und vorhandene Fähigkeiten sollen genutzt und gefördert werden.

Und wenn du noch einen Satz draufsetzen möchtest:

Die Pflege wird dabei selbst zu einem Teil des Rehabilitationsprozesses, weil therapeutische Prinzipien in die alltäglichen 24 Stunden übertragen werden.

Das ist eigentlich der Kern der ganzen Geschichte.


36. Kurz zusammengefasst

Bobath bedeutet nicht:

„Ich positioniere den Patienten irgendwie nach Bobath.“

Sondern eher:

„Ich gestalte jede mögliche Alltagssituation so, dass der Patient seine vorhandenen Fähigkeiten nutzen und weiterentwickeln kann.“

Dabei spielen eine Rolle:

Wahrnehmung → Haltung → Bewegung → Aktivität → Wiederholung → Lernen → Selbstständigkeit

Und genau deshalb ist Bobath für Pflegekräfte interessant.

Die wissenschaftliche Literatur spricht allerdings dafür, Bobath nicht als überlegenes Universalverfahren darzustellen. Moderne neurologische Rehabilitation sollte sich an evidenzbasierten, funktionellen und aufgabenorientierten Prinzipien orientieren. Bobath kann dabei als klinisches Denk- und Handlungskonzept genutzt werden, insbesondere wenn Pflege, Physio- und Ergotherapie eng zusammenarbeiten. (PubMed)

Für deine Pflegeausbildung würde ich mir vor allem diese Kette merken:

Patient hat eine Fähigkeit → Pflegekraft erkennt sie → Patient macht möglichst viel selbst → Pflegekraft unterstützt gezielt → Bewegung wird im Alltag wiederholt → Selbstständigkeit wird gefördert.

Das ist deutlich mehr als „Bobath-Lagerung“. Und ehrlich gesagt auch das Interessantere daran. 😄

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