typische Meds

Don, gerade bei Patienten mit Trachealkanüle und/oder Beatmung begegnen dir häufig Medikamente aus mehreren Fachgebieten gleichzeitig. Der wichtigste Unterschied: Nicht die Trachealkanüle selbst bestimmt die Medikation, sondern vor allem die Grunderkrankung, der Beatmungsbedarf und der Zustand des Patienten.

Ich sortiere dir die Medikamente nach Gruppen und nenne typische Wirkstoffe, damit du auf einer Beatmungs- oder neurologischen Station die Namen wiedererkennst.

1. Medikamente zur Atemwegstherapie

Gruppe Beispiele Zweck
Bronchodilatatoren (Bronchienerweiterer) Salbutamol, Terbutalin Erweitern die Bronchien, z. B. bei Bronchospasmus
Anticholinergika Ipratropium, Tiotropium Erweitern die Bronchien, vermindern deren Verengung
Inhalative Glukokortikoide Budesonid, Beclometason Hemmen Entzündungen, z. B. bei Asthma
Mukolytika (Schleimlöser) Acetylcystein (ACC), Ambroxol Verflüssigen bzw. erleichtern die Entfernung von Sekret
Sekretionshemmende Medikamente Glycopyrronium, Scopolamin Verringern eine übermäßige Speichel- und Sekretproduktion
Kochsalz-Inhalation NaCl 0,9 %, je nach Anwendung auch hypertone NaCl-Lösung Befeuchtet die Atemwege; hypertones NaCl kann die Sekretmobilisierung unterstützen

Pflegerelevant: Bei Trachealkanülen ist das Sekretmanagement besonders wichtig. Zu zähes Sekret kann die Kanüle verlegen. Zu wenig Sekret ist allerdings nicht automatisch das Ziel: Die Atemwege müssen weiterhin ausreichend befeuchtet sein.

2. Medikamente gegen Infektionen

Gruppe Beispiele Zweck
Antibiotika Ampicillin/Sulbactam, Piperacillin/Tazobactam, Ceftriaxon Behandlung bakterieller Infektionen, z. B. Pneumonie
Antibiotika bei besonderen Erregern Meropenem, Vancomycin, Linezolid Behandlung bestimmter schwerer oder resistenter Infektionen
Antimykotika Fluconazol, Nystatin Behandlung bestimmter Pilzinfektionen

Pflegerelevant: Beatmete Patienten haben unter anderem ein Risiko für beatmungsassoziierte Pneumonien. Eine Trachealkanüle allein bedeutet aber nicht, dass Antibiotika benötigt werden. Entscheidend sind Infektionszeichen, Diagnostik und ärztliche Indikation.

3. Schmerzmittel und Sedierung

Diese Gruppe ist besonders wichtig bei invasiv beatmeten Patienten auf einer Intensivstation. Nicht jeder beatmete Patient muss sediert werden: Bei längerer Beatmung über eine Trachealkanüle sind viele Patienten wach und kooperativ. Bei Bedarf werden Schmerztherapie und Sedierung gezielt angepasst. AWMF

Gruppe Beispiele Zweck
Opioide Fentanyl, Morphin, Sufentanil, Remifentanil Starke Schmerzen behandeln
Nichtopioide Analgetika Paracetamol, Metamizol Schmerzen und teilweise Fieber behandeln
Sedativa / Hypnotika Propofol, Midazolam Sedierung, z. B. bei invasiver Beatmung
Alpha-2-Agonisten Dexmedetomidin Sedierung, häufig mit dem Ziel, den Patienten leichter weckbar zu halten
Anxiolytika Lorazepam, bei bestimmten Indikationen andere Benzodiazepine Angst und starke Unruhe lindern
Antipsychotika Haloperidol, Quetiapin Bestimmte Formen von Unruhe oder Delir behandeln

Wichtige Unterscheidung:

  • Analgesie: Schmerzen lindern.
  • Sedierung: Bewusstsein und Reaktionsfähigkeit dämpfen.
  • Anxiolyse: Angst reduzieren.

Ein Patient kann beispielsweise Fentanyl gegen Schmerzen und zusätzlich Propofol zur Sedierung erhalten. Beide Medikamente erfüllen unterschiedliche Aufgaben.

Bei längerer Sedierung achtet man unter anderem auf Kreislauf, Bewusstseinslage und mögliche Medikamentenakkumulation. Zu tiefe Sedierung ist nicht automatisch besser. Society of Critical Care Medicine (SCCM)

4. Medikamente bei neurologischen Erkrankungen

Gerade in der neurologischen Rehabilitation können Patienten mit Trachealkanüle Medikamente erhalten, die nicht unmittelbar mit der Beatmung zu tun haben.

Gruppe Beispiele Zweck
Antiepileptika Levetiracetam, Valproat, Lamotrigin Epileptische Anfälle verhindern oder behandeln
Antispastika Baclofen, Tizanidin Erhöhte Muskelspannung und Spastik reduzieren
Parkinson-Medikamente Levodopa/Benserazid, Levodopa/Carbidopa, Rotigotin Parkinson-Symptome behandeln
Antidementiva Memantin, Donepezil Bestimmte Demenzsymptome behandeln
Antidepressiva Sertralin, Mirtazapin, Escitalopram Depressionen und bestimmte Begleitsymptome behandeln
Medikamente bei neuropathischen Schmerzen Pregabalin, Gabapentin Nervenschmerzen lindern

Pflegehinweis: Bei neurologischen Patienten können Schluckstörungen, eingeschränkte Kommunikation, Spastik und Bewusstseinsstörungen die Medikamentengabe und die Beobachtung der Wirkung erschweren.

Besonders wichtig: Bei Parkinson kann eine verspätete oder ausgelassene Levodopa-Gabe erhebliche Folgen haben. Bei Sondengabe müssen außerdem die jeweilige Darreichungsform und mögliche Wechselwirkungen mit der Sondennahrung beachtet werden.

5. Medikamente zur Thromboseprophylaxe und Antikoagulation

Beatmete und immobilisierte Patienten haben häufig ein erhöhtes Thromboserisiko.

Gruppe Beispiele Zweck
Niedermolekulare Heparine Enoxaparin, Dalteparin Thromboseprophylaxe oder – abhängig von Dosis und Indikation – Behandlung
Unfraktioniertes Heparin Heparin Prophylaxe oder Behandlung von Thrombosen
Direkte orale Antikoagulanzien (DOAK) Apixaban, Rivaroxaban, Edoxaban Behandlung bzw. Verhinderung bestimmter thromboembolischer Ereignisse
Vitamin-K-Antagonisten Phenprocoumon Antikoagulation bei bestimmten Indikationen

Pflegerelevant: Auf Blutungszeichen achten, z. B. Hämatome, Zahnfleischbluten, Blut im Urin oder auffälliges Sekret. Bei Heparin sind je nach Behandlung unter anderem Thrombozytenzahl und Nierenfunktion relevant.

Antikoagulation und Thromboseprophylaxe sind nicht dasselbe: Die Dosierung und die Überwachung richten sich nach der jeweiligen Indikation.

6. Herz-Kreislauf-Medikamente

Diese Medikamente begegnen dir besonders bei intensivpflichtigen Patienten und Menschen mit Begleiterkrankungen.

Gruppe Beispiele Zweck
Vasopressoren Noradrenalin Blutdruck bei schwerer Hypotonie stabilisieren
Inotrope Medikamente Dobutamin Herzleistung bei bestimmten Formen der Herzinsuffizienz unterstützen
Betablocker Bisoprolol, Metoprolol Herzfrequenz und Blutdruck senken
ACE-Hemmer / Sartane Ramipril, Candesartan Bluthochdruck und bestimmte Formen der Herzinsuffizienz behandeln
Diuretika Furosemid, Torasemid Flüssigkeitsausscheidung steigern, z. B. bei Ödemen
Antiarrhythmika Amiodaron Bestimmte Herzrhythmusstörungen behandeln

Besonders intensivmedizinisch: Noradrenalin wird häufig über eine Perfusorspritze verabreicht. Dabei müssen Blutdruck, Herzfrequenz und die Durchblutung engmaschig überwacht werden.

7. Medikamente für Magen-Darm-Trakt und Ernährung

Bei schwer kranken, immobilen oder künstlich ernährten Patienten sind diese Medikamente sehr häufig.

Gruppe Beispiele Zweck
Protonenpumpenhemmer (PPI) Pantoprazol, Omeprazol Magensäureproduktion hemmen
Antiemetika Ondansetron, Metoclopramid Übelkeit und Erbrechen behandeln
Laxanzien Macrogol, Lactulose, Bisacodyl Obstipation behandeln
Prokinetika Metoclopramid Magenentleerung fördern
Antidiarrhoika Loperamid Bestimmte Formen von Durchfall behandeln
Enzympräparate Pankreatin Fehlende Verdauungsenzyme ersetzen

Bei beatmeten Patienten spielen Obstipation und eine gestörte Magen-Darm-Motilität eine wichtige Rolle. Ursachen können unter anderem Immobilität, Opioide und die Grunderkrankung sein.

Pflegerelevant: Stuhlgang, Bauchumfang, Übelkeit, Erbrechen und Verträglichkeit der Sondennahrung beobachten.

8. Elektrolyte und Flüssigkeitshaushalt

Diese Gruppe ist besonders wichtig bei Patienten mit Nierenproblemen, Diuretika-Therapie oder künstlicher Ernährung.

Präparat / Gruppe Beispiele Zweck
Kalium Kaliumchlorid Kaliummangel ausgleichen
Magnesium Magnesiumsulfat, Magnesiumchlorid Magnesiummangel ausgleichen
Phosphat Kaliumphosphat, Natriumphosphat Phosphatmangel ausgleichen
Elektrolytlösungen Sterofundin, Jonosteril Flüssigkeit und Elektrolyte zuführen
Glukoselösungen Glukose 5 % Je nach Indikation Flüssigkeit und Glukose zuführen
Humanalbumin Albuminlösungen In ausgewählten Situationen zur Volumen- bzw. Albuminersatztherapie

Wichtig: Kalium und Magnesium beeinflussen die elektrische Erregbarkeit des Herzens. Bei relevanten Störungen drohen Herzrhythmusstörungen.

Bei künstlich ernährten Patienten kann außerdem das Refeeding-Syndrom auftreten: Nach Wiederaufnahme oder deutlicher Steigerung der Ernährung können insbesondere Phosphat, Kalium und Magnesium gefährlich abfallen.

9. Medikamente bei Muskelkrämpfen und Muskelrelaxation

Hier muss man zwischen der Behandlung chronischer Muskelprobleme und der intensivmedizinischen Muskelrelaxation unterscheiden.

Gruppe Beispiele Zweck
Antispastika Baclofen, Tizanidin Chronische Spastik reduzieren
Neuromuskuläre Blocker Rocuronium, Cisatracurium Skelettmuskulatur vorübergehend lähmen, z. B. bei bestimmten intensivmedizinischen Situationen

Achtung: Neuromuskuläre Blocker sind keine Beruhigungsmittel und keine Schmerzmittel. Sie verhindern Muskelbewegungen, beseitigen aber weder Bewusstsein noch Schmerzempfinden. Deshalb müssen bei bewusstseinsfähigen Patienten eine angemessene Sedierung und Analgesie sichergestellt sein. uptodate.com

Diese Medikamente sind vor allem auf Intensivstationen relevant, nicht bei jeder Trachealkanüle.

10. Medikamente bei Schlafstörungen, Unruhe und Delir

Gruppe Beispiele Zweck
Schlafanstoßende Medikamente Melatonin, bei entsprechender Indikation andere Hypnotika Schlafstörungen behandeln
Antipsychotika Haloperidol, Quetiapin Bestimmte Formen von Unruhe oder Delir behandeln
Benzodiazepine Lorazepam, Midazolam Bestimmte Angstzustände oder andere klar definierte Indikationen behandeln

Ein Delir ist eine akute Störung von Aufmerksamkeit und Bewusstsein. Es kann sich als Unruhe, Halluzinationen oder auch als ungewöhnliche Schläfrigkeit zeigen.

Nicht jede Unruhe sollte medikamentös behandelt werden. Schmerzen, Atemnot, Harnverhalt, Obstipation, Schlafmangel oder eine Hypoxie können ebenfalls dahinterstecken.


11. Welche Medikamente begegnen dir wahrscheinlich besonders häufig?

Hier eine praktische Priorisierung für den Stationsalltag:

Priorität Medikament / Gruppe Das solltest du dazu wissen
Sehr hoch Enoxaparin Thromboseprophylaxe, Blutungszeichen
Sehr hoch Paracetamol, Metamizol Schmerz- und Fiebertherapie
Sehr hoch Macrogol, Lactulose Obstipationsprophylaxe bzw. -therapie
Sehr hoch Pantoprazol Magensäurehemmung
Sehr hoch Salbutamol, Ipratropium Bronchienerweiterung
Hoch Acetylcystein, Ambroxol Sekretmanagement
Hoch Levetiracetam Anfallsprophylaxe bei neurologischen Patienten
Hoch Baclofen Spastikbehandlung
Hoch auf Intensivstationen Fentanyl, Propofol, Midazolam Analgesie und Sedierung
Hoch auf Intensivstationen Noradrenalin Kreislaufunterstützung
Situationsabhängig Antibiotika Behandlung bakterieller Infektionen

Die Häufigkeit hängt stark vom Versorgungsbereich ab: Eine neurologische Frührehabilitation hat ein anderes Medikamentenspektrum als eine operative Intensivstation oder eine außerklinische Beatmungspflege.

12. Was ich mir als Pflegefachkraft besonders merken würde

Bei diesen Patienten sind nicht nur die Wirkungen wichtig, sondern vor allem die Beobachtung möglicher Nebenwirkungen:

  • Opioide und Sedativa: Bewusstseinslage, Atemantrieb, Blutdruck.
  • Bronchodilatatoren: Atemerleichterung, Herzfrequenz, Tremor.
  • Sekretlösende Mittel: Sekretmenge, Konsistenz und Fähigkeit, Sekret abzuhusten oder absaugen zu lassen.
  • Antikoagulanzien: Blutungszeichen.
  • Diuretika: Flüssigkeitsbilanz, Blutdruck, Elektrolyte.
  • Antibiotika: Temperatur, Infektionszeichen, Verträglichkeit.
  • Antiepileptika: Anfälle, Bewusstseinslage und Nebenwirkungen.
  • Antispastika: Muskeltonus, Mobilität, Müdigkeit und Blutdruck.

Mein Tipp für deinen Einstieg: Lerne zuerst die Wirkstoffgruppen und ihre Aufgaben. Anschließend kannst du die einzelnen Wirkstoffe anhand ihrer typischen Nebenwirkungen und pflegerischen Beobachtungsschwerpunkte ergänzen. Das ist wesentlich hilfreicher, als 50 Medikamentennamen auswendig zu lernen und sie anschließend im Stationsalltag wieder zu vergessen.

Für die intensivmedizinischen Themen sind die Empfehlungen der AWMF zur Analgesie, Sedierung und zum Delirmanagement eine gute fachliche Grundlage.